oder wenn man ihn traf nur mit "Heil Hitler" grüßte und "Guten Morgen" und "Guten Abend" nicht mehr kannte.
Alles war durchsetzt mit Leuten, die Spitzeldienste leisteten. Mein Vater war ein strikter Gegner dieser ganzen Geschichte. Und meine Mutter hatte immer Angst, daß mein Vater irgend etwas sagen würde, was nicht richtig wäre, was nicht an die Öffentlichkeit durfte.
Mir selbst ist folgendes passiert: Ich arbeitete in der Buchhaltung und hatte einen Kollegen, der sehr nazi-freundlich war, aber, das muß ich dazu sagen, der daran glaubte, was er sagte und was er hörte. Und eines Tages habe ich ihm widersprochen und habe ihm gesagt: "Das stimmt nicht! Wir werden den Krieg verlieren, denn das, was Hitler macht, das geht einfach nicht." Und da hat er zu mir gesagt: "Ich will ihnen mal was sagen. Wenn ich sie nicht so gut kennen würde und wenn wir nicht schon so lange zusammen arbeiten würden, dann wären sie innerhalb der nächsten 2 Stunden nicht mehr hier und sie wären dann irgendwo, wo es ihnen bestimmt nicht gefallen würde. Also bitte hüten sie ihre Zunge." Und das hat mir natürlich gereicht.
Es war überhaupt überall, man durfte nichts sagen. Die Angst regierte. Und das war sehr, sehr schlimm. (Hilde E.)


Öffentlichen Widerstand gab es zu der Zeit gar nicht. Da hätte man es sich gar nicht getraut.
Wir haben uns auch nie getraut, direkt mit Leuten, mit anderen, mit Nachbarn oder so zu
sprechen. Man vermied auch jede Art von Augenkontakt, wenn man in der langen Schlange
für Lebensmittel anstand. Wir unterhielten uns nie mit anderen Kindern, meine Mutter sagte mir jeden Tag "Halt bloß den Mund." Das war reingedrillt in mich "Red nie draußen über was, was du im Haus hörst!" Und zu Hause machte mein Vater aus seinem Herzen keine Mördergrube. Der sagte schon was los war, was er davon hielt und was er davon dachte, was er in den Zeitungen las. Natürlich haben meine Eltern mir so wenig wie möglich erzählt, damit ich gar nicht in die Versuchung kam irgendwas zu sagen, mich zu verplappern.

Man fürchtete sich vor allem, vor allen Dingen davor, daß die Nazis uns was anhängen konnten und daß mein Vater abgeholt würde nachts. Die Gestapo kam immer um Mitternacht rum, immer nachts bei Nacht und Nebel.
Gegenüber war eine Frau mit ihrer Tochter Anna. Die war geistesschwach und eines morgens hörten wir vor der Schule wie draussen ein fürchterlicher Tumult war und jemand furchtbar weinte. Wir rannten ans Fenster, guckten raus und sahen da unten die Frau. Die stand draussen und weinte und schrie und meine Mutter rannte dann runter und da sagte sie, die SS hätten ihre Tochter mitten in der Nacht abgeholt. Die wären rein gekommen und hätten gesagt: "Zieh die Anna an. Die muss jetzt raus." Und da hat sie gesagt: "Wieso denn? Warum denn?" "Stell keine Fragen. Zieh sie an, wir nehmen sie mit." Und dann haben sie die tatsächlich mitgenommen. Und da hat die Frau dann meinen Vater gebeten: "Bitte suchen sie doch nach, was mit der Anna passiert ist." Und da sagte meine Mutter: "Er wird versuchen was zu tun, was sich machen ließe." Und zu Hause sagte dann mein Vater: "Das kann ich nicht. Wenn ich zur SS gehen würde oder zum Braunen Haus und fragen würde, wo ist die Anna hin, käme ich nicht wieder zurück. Also da kann ich nicht nachfragen." Die ist verschwunden und ein Jahr später hat die Frau eine Nachricht bekommen, daß sie an Lungenentzündung gestorben wäre. (Blewett)

Das Braune Haus

Das braune Haus war gekennzeichnet dadurch, daß es immer eine Nazi Flagge draussen hatte und wir wussten, das war das Hauptamt von den Nazis hier in Benrath. Da liefen natürlich zu jeder Tages- oder Nachtzeit immer viele Nazis in SA- Uniformen herum. Das war für uns Kinder natürlich ein Zeichen von der von der Macht, unter der wir standen. Ich habe immer einen großen Bogen darum gemacht, weil ich wusste, daß ich immer auffiel, weil ich keine Uniform hatte und ich hatte immer das Gefühl, daß die mich genau kannten.
Alles was damit zusammenhing war wirklich von Angst und Furcht bestimmt. Also unser Leben, wenn ich zurückblicke darauf, war völlig beherrscht von Angst und Furcht. Und das Braune Haus war für uns ein Zeichen davon. (Blewett)

Widerstand

Ich war in der katholischen Jugend, leitete eine Gruppe. Wir haben Wanderungen unternommen und wenn wir uns zu den Wanderungen trafen, durften wir nicht über den Marktplatz gehen, denn da war der BDM aufmarschiert, die hätten uns sofort festgehalten; ist auch passiert. Und wir sind dann über die Schlossallee, Hauptstraße, zur Kirche gegangen, wo wir uns dann hinten getroffen haben. Und dann haben wir unsere Wanderungen gemacht mit dem Wanderzeug, mit Klampfe und so weiter.
Wir haben unsere Heimabende in Privaträumen abgehalten, meistens bei mir. Im Kreis unserer Gruppe konnten wir schon einmal was sagen. Normalerweise wäre das viel zu gefährlich gewesen. Also da mußten wir schon ein bißchen vorsichtig sein und wir mußten genau wissen, wem wir irgendwas sagten und anvertrauten. (Hilde E.)

Wir hatten alle 4 Wochen einen Eintopfsonntag. Eintopfsonntag hieß: Es kam weder Fleisch auf den Tisch, noch Kartoffeln, noch Gemüse. Es wurde eben nur ein Eintopf gekocht. Erbsensuppe, Bohnensuppe, Graupensuppe, was man so hatte. Während des Krieges war ja eh nicht viel da.
Und sonntags morgens kam die Nachbarin über den Gartenzaun zu uns in den Garten, kam auf die Terrasse, wo die Küche drauf ausging, stieß das Küchenfenster auf und sagte "Heil Hitler. Ich möchte bloß mal wissen ob sie auch wirklich Eintopf kochen." Meine Mutter war so erschrocken. Die Unverschämtheit auf unser Grundstück zu kommen, über den Gartenzaun zu klettern. Wir hatten Eintopf aber das, das war unmöglich. Sie war eine Fanatikerin. Und ich will ihnen ganz ehrlich was sagen: Vor der hatte meine Mutter eine unheimliche Angst.
Das Geld, das dadurch gespart wurde, sollte dann gespart werden in die Winterhilfe. Und Winterhilfe hieß: Rüstung für die Soldaten usw. Also Winterhilfe war eine Farce. (Hilde E.)

Juden

Die Juden mussten ja ihren Judenstern auf ihrer Jacke oder ihrem Mantel am Arm tragen. In der Schule habe ich wohl kaum ein Kind gesehen, daß da noch ein Jude war, weil die alle schon weg waren. Man sah sie in der Stadt manchmal mit dem gelben Stern, aber die verschwanden so langsam aber sicher. Ich persönlich habe keine Juden gekannt.
Es war nach dem Krieg 1945, das war das erste Mal, daß ich bewusst ein junges Judenmädchen gesehen habeSie und ihr Vater wurden, gerade nachdem die Amerikaner da waren, in einer Höhle in Grafenberg gefunden. Sie waren versorgt worden von einer Benrather Familie. Die Benrather Familie kannte diese Juden, und sie waren von denen mit Lebensmitteln versorgt worden für vier Jahre während der ganzen Zeit. Und die kamen dann raus und die wohnten dann auch auf der Erlanger Strasse in dem Haus neben uns. Für eine gewisse Zeit, nicht sehr lange. Und dieses Mädchen, ich habe nie mit ihr gesprochen, ich weiss, die ist heute in den USA, dieses Mädchen war enorm schwach und dünn und zierlich, schwarze Haare, ein sehr hübsches Mädchen. Und die hat mir immer fürchterlich leid getan. Wenn ich mir vorstellte, sie war mit ihrem Vater in dieser Höhle. Alle anderen Geschwister und ihre ganze Familie war im KZ gestorben. Die zwei waren die einzigen Überlebenden. Ich hätte nie den Mut gehabt mit ihr zu sprechen. (Blewett)

Allgemeine Stimmung

Pogrom

Das war vielleicht ´39, vielleicht war es 1940, da kam die Zeit für den Martinszug wieder. Wir machten unsere Fackeln und dann sagte ich zu meiner Mutter: "Wir können doch heute abend zum Martinszug gehen" und dann sagte sie: "Nein, ich will nicht, daß ihr zum Martinszug geht." Und dann kam mein Vater nach Hause und dann sagten wir "Warum denn nicht?" "Frag mal den Josef." Mein Bruder Josef war 6 Jahre älter als ich und da und da erzählte er uns, daß er in dem Martinszug 1938 mitgegangen ist. Auf einmal hörte er Kristall klirren und fürchterliches Geschrei und fürchterliche Geräusche und dann kam das immer näher und dann merkte er, daß da Leute waren, die Fensterscheiben eindrückten und einschmissen.
Und dann sagte ich: "Was war denn los? Warum haben denn die Polizisten nichts dagegen getan?" Und dann hat er gesagt: " Das war ja die Autorität, die das machte. Die Polizisten waren da, aber die haben auch nichts dagegen gemacht. Die SS und die SA in Uniform haben diese Fenster zerschmissen. Jedenfalls sagte er, daß die Fenster in den in den Geschäften zertrümmert wurden. Die Sachen aus den Geschäften wurden auf die Straße geschmissen. Die haben Sachen oben aus den Wohnungen rausgeschmissen, auf die Straße geworfen, Geschirr, Porzellan, Glas, Lampen, Wäsche. Die Sachen wurden alle verbrannt.
Mein Bruder, als er das erzählte, war noch ganz erschüttet, es war fürchterlich gewesen, und dann sagte ich: " Hat denn da niemand was machen können? Warum hat sich denn da niemand dran dran den Leuten geholfen?" "Da war ein jüngerer Mann" sagte er, "offensichtlich nicht ein Jude. Der sagte zu dem SA-Mann oder SS-Mann, der da gerade irgendwas auf das Feuer werfen wollte, `Warum tun sie das denn? Lassen sie das doch.´ Und da haben sie den total zusammen geschlagen. Und der hatte nichts damit zu tun, der wollte nur versuchen den Leuten zu helfen. Da war eine Masse von SS und SA, die alle dabei waren und natürlich lachten, die Juden dabei standen und und weinten und schrien und so weiter." Und bei uns in den Zeitungen, wenn sie davon sprachen, war es alles nur die Schuld der Juden. (Blewett)

Zwangsarbeiter

Ja, das ist ein ganz trauriges Kapitel.
In der Firma, in der ich beschäftigt war,
gab es Leute, die bei uns arbeiten mußten. Es waren Russen, Franzosen, so viel ich weiß. Die haben sehr wenig zu Essen bekommen. Man hat sie, ja geschlagen kann man nicht sagen, man hat sie drangsaliert. Und sie kamen überhaupt nicht mit Deutschen in Berührung. Es war strengstens verboten, die anzusprechen, wenn man schon mal jemanden auf dem Hof gesehen hat. Nur nicht ansprechen. Es sickerte nachher durch, daß sie wenig zu Essen kriegten, daß sie oft Hunger hatten. Also es war eine ganz scheußliche Situation. (Hilde E.)


Oh, ich habe eine Menge Zwangsarbeiter
gesehen. Das waren für uns immer
schwarze Bündel von Kleidern.
Meist waren es polnische oder russische Frauen oder Männer. Die Ausländer die hier waren, wurden draussen zu schwersten Arbeiten benutzt. Zum Beispiel wenn wir einen großen Alarm hatten in Düsseldorf, dann waren sie die ersten, die mit Lastwagen rangebracht wurden und die dann sofort anfingen, die Straßen aufrecht zu erhalten, die Schienen wieder zu legen, die Straßenbahnen, die umgekippt waren die wurden dann so schnell wie möglich wieder aufgerichtet. Also die mussten wahnsinnig schwer arbeiten.
Ich bin sicher, daß die nicht allzuviel zu Essen gekriegt haben. Einmal bin ich mit meiner Mutter ins Dorf gegangen zum Einkaufen. Vorher hatte sie mir gesagt, wir haben fast nichts mehr auf unserer Markenrationskarte, wir müssen sehen, ob wir was bekommen. Dann sind wir ins Dorf gegangen, Benrodestrasse runter und auf einmal ging da eine ganze Gruppe von Ausländern, ausländischen Zwangsarbeitern, vor uns her und dann merkte ich, daß meine Mutter in ihrer Tasche rumkramte und dann auf einmal flatterte irgendwas auf den Boden. Und dann sagte ich: "Du hast da was verloren". "Tsch, sag nichts. Geh nur weiter." Und dann habe ich hinterher gefragt: "Was hast du denn gemacht?" Und dann sagte sie: "Ach ich habe nur ein Brotcoupon fallen gelassen." Und dann sagte ich: " Wieso, warum denn? Wir haben doch selbst nichts." Und dann sagte sie "Ja, aber die haben noch weniger".
Ich habe es persönlich erlebt bei einem Verwandten, wo eine junge Russin arbeitete. Die hatten 4 oder 5 Kinder und da musste sie in dem Haushalt arbeiten. Da habe ich selbst erlebt, obwohl es meine Verwandten waren, daß sie trotzdem nicht besonders gut behandelt wurde. Und nachts, abends, wurde sie oft abgeholt von den SS-Leuten und dann wurde sie morgens wieder zurückgebracht. (Blewett)

Schule

Von der Schule aus wurde Druck ausgeübt auf uns. Meine Klassenlehrerin kam in der BDM Uniform als Lehrerführerin zum Unterricht. Wir standen auf, wir mußten "Heil Hitler" sagen, wir sangen das Horst-Wessel-Lied wenn die Schule anfing und mit "Heil Hitler" ging es auch wieder raus.
Von der Schule war das wie ein anderes Fach. Wir mußten am BDM teilnehmen und es wurde auch erwartet, daß, wenn immer was los war am "Braunen Haus" in Benrath, daß wir da waren. Wir mussten jede Woche mindestens einmal zum "Braunen Haus" um uns da zu treffen um da zusammenzukommen. Das war alles schulmäßig eingeteilt und im Gegenteil ich kann mich noch gut an etwas erinnern, wo ich nicht dran teilnehmen wollte, weil mein Vater das nicht wollte. Und dann waren meine Schulnoten gesenkt. Und mein Vater wurde sehr wütend "Ja warum hast du denn da nicht aufgepaßt? Warum hast du das denn nicht gemacht?" Und dann stellte sich heraus, daß meine Klassenlehrerin einfach meine Noten gesenkt hat, weil ich nicht an dem BDM teilnahm.
Es ist immer wieder passiert, daß Schüler von den Lehrern ausspioniert worden sind durch Fragen wie " Ja was sagst du denn zu der Judenfrage?" Und dann sagte ein Schüler: "Ja ich finde die Juden sind ja auch Deutsche." "Ach tatsächlich? So was sagt denn dein Vater dazu?" "Ja mein Vater denkt das Gleiche." Und dann ist der Vater in der Nacht abgeholt worden von der Gestapo und nie wieder gesehen worden.
Unser Unterricht veränderte sich während der Zeit langsam aber sicher. Alles was wir gelernt haben war davon beeinflußt. In allen Fächern, vielleicht nicht in Mathematik oder so was, aber vor allen Dingen in Deutsch und Geschichte wurde alles darauf ausgerichtet, auf die nationalsozialistische Idee. Wir wurden also total infiltriert mit diesen Ideen. (Blewett)

Die folgenden Zeitzeugenaussagen, die zum Teil auch auf unseren anderen Projekt-Seiten im entsprechenden Kontext dargestellt sind, stammen aus Interviews mit Hilde E. und Margot Füsser Blewett, die sich uns dankenswerterweise für diese Gespräche zur Verfügung stellten.
Hilde E. lebt heute noch in Benrath. Margot Füsser Blewett lebt seit den 50er Jahren in den USA und berichtet in ihrem 2001 in den USA erschienenem Buch „Feet in the Fire“ über ihre Kindheits- und Jugenderlebnisse im Nazi-Deutschland. Sie lebte lange Zeit in Benrath.
Weitere Zeitzeugen konnten wir leider nicht finden.

Die Interviews zu führen war neben der Recherche in unterschiedlichen Archiven ein besonderes Erlebnis.
Um hiervon einen kleinen Eindruck zu vermitteln, haben wir alle Abschnitte auch zum Anhören bereitgestellt.

Wir präsentieren die Interviews an dieser Stelle in einer zusammengefassten Form. Die von den Zeitzeugen dargestellten Ausführungen haben wir nach Oberthemen geordnet und diese im folgenden entsprechend aufgezeigt. Die daraus resultierende Reihenfolge entspricht nicht dem Ablauf der Gespräche. Ebenso kommt es durch die technische Aufbereitung der Interviews vereinzelt zu Abweichungen zwischen Textform und Audio-Datei.
Eintopfsonntag
Wir wollten das nicht, aber wir haben uns ganz ehrlich gesagt mit vielen Dingen nicht an die Öffentlichkeit getraut, weil wir wußten, wir kommen dann dran. Die öffentliche Meinung durfte man überhaupt nicht sagen, man wußte ganz genau und mußte ganz genau wissen, zu wem man was sagte. Ich wußte wohl, natürlich, wer was war und wer welchen Posten hatte und wer morgens und abends

 

Zeitzeugenaussagen